Medienkonsum führt zu Gewalt – oder doch nicht?
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von Gero Pflüger, 31. Januar 2007 Wenn ein 35jähriger Mann seine Familie mit dem Küchenmesser schlachtet, wird nach dem Grund für die Bluttat geforscht, nach dem Motiv, nach dem Sinn. Wenn ein 19jähriger Mann seinem Lehrer ein Messer in den Bauch rammt, dann hat er die Idee dazu aus einem Killerspiel.
“Amoklauf” heißt es neuerdings gerne, wenn sich ein jugendlicher, menschlicher Komplettversager mit einem generalstabsmäßig ausgearbeiteten Plan in der Tasche bis an die Zähne bewaffnet und dann kaltblütig seine Lehrer und Mitschüler tötet. Eigentlich ist so etwas aber gar kein Amoklauf, sondern bloß Mord aus einem niederen Beweggrund: nämlich Rache.
Kaum ein Erwachsener kann die Nöte, Ängste und Gefühle Pubertierender verstehen. Ich habe eine 18jährige Cousine, und ich weiß, wovon ich rede. Sie sieht gut aus, hat ein bezauberndes Lächeln, ist unterhaltsam und gebildet. Ihre größte Not ist, dass sie keinen Freund hat, obwohl es genügend Bewerber gibt. Sie kriegt es einfach nicht hin. Natürlich weiß sie genau, woran es liegt, dass sie keinen abkriegt: Ihr Hintern sei zu dick, der Brauch zu groß, die Nase zu lang, die Haare zu lockig und so weiter und so fort. Ist natürlich Quatsch, aber sie hat damit einen Sündenbock gefunden: ihr Aussehen. Für mich als Mann mit Augen im Kopp unfassbar. Ich verstehe einfach nicht, wo das Problem liegen soll, einfach den süßen Typen, der sie schon den ganzen Abend anhimmelt, zu fragen, ob er ihr ein Bier spendiert. In ein oder zwei Jahren wird sie das auch machen. Aber jetzt eben noch nicht. Für den Moment hat sie eben ihren Sündenbock.
Ein Sündenbock ist ungemein praktisch, denn er ist ein einleuchtender Grund, der auf einfache Art erklärt, was zu kompliziert zu verstehen ist. Die Nazis hatten einen Sündenbock für alles Übel der Welt, nämlich das Judentum und alles Fremdartige. Die Kommunisten haben ebenfalls einen Sündenbock für alles Übel der Welt, nämlich den imperialistischen Klassenfeind. Die Amerikaner haben einen Sündenbock, nämlich Al Quaida, fundamentalistische Moslems haben einen Sündenbock, nämlich die Zionisten, die Israelis haben einen Sündenbock, nämlich die Palästinenser. Sogar die christliche Religion hat einen Sündenbock, nämlich den Teufel. Sündenböcke sind unglaublich bequem. Und furchtbar falsch. Ein Sündenbock taugt nichts, denn er ist lediglich ein Deckmäntelchen für die eigentlichen Probleme, die sich darunter verbergen. Ein Kampf gegen den Sündenbock ist ein Scheingefecht, denn falls (!) der Sündenbock besiegt werden kann, wird bald darauf ein neuer gefunden werden müssen – schließlich ist man die eigentlichen Probleme gar nicht angegangen, und die Sorgen und Nöte bleiben daher bestehen.
Ein biologischer Exkurs zeigt sehr schnell auf, dass Männer den Kampf im biologischen Programm haben. Die gesamte biologische Funktion des Menschenmännchens ist der physische Schutz seiner Gruppe gegen Bedrohungen aus der Wildnis – seien es Tiere oder andere Menschengruppen. Männliche Muskeln sind sogar anders als weibliche aufgebaut: Sie sind auf Kraft optimiert, auf Schnelligkeit und Zähigkeit – Fähigkeiten, die im Kampf entscheidend sind. Man glaube nicht, dass sich das evolutionäre Programm von einer Viertelmillion Jahren oder mehr durch eine 60jährige Friedensphase in Mitteleuropa ändern ließe. Noch heute prügeln sich Jungs schon im Sandkasten, polieren sich auf dem Schulhof die Fresse und mobben später im Büro etwas subtiler als Chef ihre Untergebenen.
Damit zurück zu dem 19jährigen Mann, der seinen Lehrer absticht. Wieso tut er das bloß, der nette Junge, fragen sich alle, und schnell ist der vermeintliche Grund geklärt: Laut und vernehmlich meckert der Sündenbock “Computerspiel” und “Actionfilm” aus den Tiefen seines verwaisten Jugendzimmers. Doch wundert es irgend jemanden, wohl wissend, dass das menschliche Männchen von Natur aus gewaltbereit ist, dass man bei modernen, jungen Menschenmännchen Actionfilme und First-Person-Shooter finden kann? Männer sind von Gewalt angezogen wie Motten vom Licht. Allerdings hat der Mensch – im Gegensatz zur Motte – die Gnade des freien Willens, und die meisten Menschenmännchen sind in der Lage, die Gewalttätigkeit, die in ihnen wohnt, unter Kontrolle zu halten. Und das ist auch gut so.
Nun vergleichen wir den 19jährigen Lehrermörder mit dem 35jährigen Familienschlächter. Beides sind Männer. Beiden ist die Kontrolle über ihre Gewalttätigkeit entglitten – sie hatten sich buchstäblich nicht mehr in der Gewalt. Das geschieht selten, aber es passiert noch immer oft genug. Doch nur beim jungen Mann wird sofort behauptet, die Gewalttat hätte etwas mit Medienkonsum zu tun. Warum eigentlich? Meine These ist, dass Gewalttätigkeit überhaupt gar nichts mit Medienkonsum zu tun hat. Medien sind nicht der Auslöser der Gewalt, sondern nur ihre Reflektion – wie ein Spiegel. Mehr nicht.
Es hat zu jeder Zeit in der Geschichte der Menschheit Morde und Gewalttaten gegeben, ausgeführt durch Menschen jeden Alters. Und es hat zu jeder Zeit der Geschichte der Menschheit Darstellung von Gewalt in den jeweiligen Medien der Zeit gegeben: von den Höhlenmalereien der Jungsteinzeit über die Darstellungen der Antike, die Epen und Lieder des Mittelalters, die Romane der Klassiker bis hin zu Film, Fernsehen und Computerspielen. Sogar das Christentum, das von seinen Anhängern als besonders friedliebend beschrieben wird, fußt auf Mord und Totschlag, wovon uns die Bibel – das Medium des Christentums – in allen grausamen Details berichtet. Da werden Brüder mit Steinen erschlagen, Leute in Brunnen geworfen und dem langsamen Tode überlassen, die gesamte Menschheit ersäuft, Städte samt ihrer Einwohner verbrannt, von ethnischen Säuberungen ist die Rede, und schließlich verliert sogar der, der predigt, man solle seinem Feind auch die andere Wange hinhalten, die Gewalt über sich und vergreift sich an zwar störenden, aber letztendlich harmlosen Händlern. Schließlich wird er als der Held des Neuen Testaments an eine Holzlatte genagelt und mit einem Lanzenstich getötet. Und das Ganze wird schon Kindern im Kindergartenalter erzählt. Gäbe es eine Selbstkontrolle der Verlagsindustrie, die ähnlich rigide Maßstäbe auf Bücher anwendete wie die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) auf Filme oder die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) auf Computerspiele, so wäre die Bibel vermutlich nicht für Jugendliche freigegeben, wie übrigens auch die Märchen der Gebrüder Grimm oder der Struwwelpeter.
Ich hätte, wenn ich den politischen Dummschwätzern Glauben schenkte, allen Grund, richtig Angst um mich haben, denn ich bin 35 Jahre alt, bin also im Alter des Schlächters. Seit frühester Kindheit spiele ich Computerspiele, und nicht gerade harmlose Pixel-Kartenspiele: Mitte der 1980er habe ich am Commodore 64 verbotenerweise zu Recht indizierte Spiele gespielt (“Operation Lybia”), in den frühen 1990er Jahren auf einem MS-DOS-PC Atomraketen von einem U-Boot aus auf die DDR abgeschossen (“688 Attack Sub”), Ende des Jahrhunderts in futuristischen Umgebungen und nie dagewesener grafischer Qualität virtuelle Menschen und Aliens via Maus meines iMacs zerfleischt (“Unreal Tournament”, “Quake III Arena”). Mit einem Kollegen sinnierte ich noch vor wenigen Jahren darüber, dass das Gebäude, in dem unser Arbeitsplatz lag, eine hervorragende Rocket-Arena abgeben würde (nur das Fehlen der Mac-Version des Leveleditors “UnrealEd” legte uns Steine in den Weg). Heute ziehe ich es vor, mit grausam funkelnden Hieb- und Stichwaffen ausgestattet gegen die fantastisch anmutenden Monster aus “World of Warcraft” zu Felde zu ziehen, aber gleichzeitig habe ich ein Faible für realitätsnahe First-Person-Shooter entwickelt (“Close Combat: First to Fight”, “Tom Clancy’s Ghost Recon”).
Doch auch ohne Computer war ich nicht ohne: In meiner Kindheit hatte ich das große Glück, viel draußen sein zu können – großer Garten am Haus. Meine Freunde und ich haben uns laufend an Marterpfähle gebunden, wir haben uns “skalpiert”, mit Erdbrocken (“Handgranaten”) beworfen, uns mit Erbsenpistolen beschossen und uns Tomahawks an den Schädel geknallt. Später in der Schule haben wir sogar darüber nachgedacht, wie das Schulgebäude zu sprengen sei, damit wir die Mathearbeit morgen nicht schreiben mussten. Ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, zur Generation der Killerspieler zu gehören. Aber bislang ist mir die Kontrolle noch nie entglitten. Allerdings kenne ich ein Opfer von Jugendgewalt: meinen Vater. Der trägt seit nunmehr bald 55 Jahren eine Narbe in seinem Oberschenkel, wo ihn der Pfeil seines Kumpels beim Indianer-Spielen getroffen hat – ganz klar ein Opfer des Medienkonsums. Damals war das Comic “Jimmy – Das Gummipferd” ganz groß.









